Die steigende Lebenserwartung ist nicht unbedingt eine Garantie für ein Leben ohne funktionelle Einschränkungen. Im Jahr 2024 wurde die behinderungsfreie Lebenserwartung für 65-jährige auf 12 Jahre bei Frauen und auf 10,5 Jahre bei Männern geschätzt. Das bedeutet, dass ein Großteil der verbleibenden Jahre nach dem 65. Lebensjahr durch Autonomieverlust und eine beeinträchtigte Lebensqualität aufgrund von Einschränkungen geprägt sein kann.

In diesem Zusammenhang erweist sich körperliche Betätigung als entscheidender Faktor für ein gesundes Altern. Zahlreiche Studien zeigen, dass ein höherer Grad an körperlicher Betätigung die Anzahl der behinderungsfreien Lebensjahre erhöht und das Risiko des körperlichen Abbaus senkt. Die regelmäßige Ausübung einer geeigneten körperlichen Betätigung trägt dazu bei, die Mobilität zu bewahren, die Sarkopenie (Verlust an Muskelmasse) aufzuhalten und die Funktionsverluste zu begrenzen, selbst wenn spät damit begonnen wird.

In diesem Sinne stellt körperliche Betätigung heute eine unverzichtbare Strategie im Interesse der öffentlichen Gesundheit dar, die von den Gesundheitsämtern empfohlen wird, um die Aufrechterhaltung der Autonomie zu begünstigen und den Eintritt der altersbedingten Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern.

Wissenschaftlich erwiesener Nutzen der körperlichen Betätigung im Alter

Regelmäßige körperliche Betätigung gilt heute als einer der wirksamsten Hebel zur Bewahrung der Gesundheit und Autonomie im Alter. Aktuelle Metaanalysen zeigen, dass sie die Gesamtfunktion des Körpers (Kraft, Mobilität, Ausdauer) deutlich verbessert und dass die optimale Wirkung bei einer Ausübungsdauer zwischen 110 und 225 Minuten pro Woche erzielt wird.

Aktuelle Literaturauswertungen bestätigen den Zusammenhang zwischen körperlicher Betätigung und einer Verringerung des kardiovaskulären Risikos, des Diabetesrisikos, des Gebrechlichkeitsrisikos, des Sturzrisikos und des Risikos funktioneller Einschränkungen sowie ihren Beitrag zur Aufrechterhaltung der Lebensqualität und sozialen Teilhabe.

Eine umfassende Bevölkerungsstudie wies nach, dass körperlich aktive Senioren im Vergleich zu alten Menschen mit bewegungsarmer Lebensweise eine bessere Gehgeschwindigkeit und höhere Greifkraft aufweisen und seltener pflegebedürftig werden.

Der Nutzen macht sich nicht nur körperlich bemerkbar: Regelmäßige Bewegung steht außerdem in direktem Zusammenhang mit einer deutlichen Verbesserung der psychischen Gesundheit, einer Verringerung der Depressions- und Angstsymptome sowie mit einem besseren allgemeinen Wohlbefinden.

In diesem Sinne bildet die geeignete körperliche Betätigung, selbst wenn spät damit begonnen wird, eine auf aktuellen Nachweisen beruhende Maßnahme der Gesundheitsfürsorge, die in der Lage ist, die Anzahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen und den Eintritt der Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern.

Körperliche Betätigung und Prävention des kognitiven Abbaus im Alter

Sehr viele Menschen bemerken mit zunehmendem Alter ein schleichendes oder allmähliches Nachlassen ihrer Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit oder Planungsfähigkeit. Diese Veränderungen können durch biologische Vorgänge in Verbindung mit dem Alterungsprozess bedingt sein, aber durch beeinflussbare Faktoren der Lebensweise. Unter diesen Faktoren gilt die regelmäßige körperliche Betätigung heute als Schlüsselelement, das in der Lage ist, zur Bewahrung der kognitiven Funktionen beizutragen.

In der aktuellen Literatur zeigen mehrere Werke auf, dass alte Menschen, die regelmäßig eine körperliche Betätigung ausüben, ihre kognitive Leistungsfähigkeit tendenziell erfolgreicher bewahren als Senioren mit bewegungsarmer Lebensweise: Die Exekutivfunktionen (wie z. B. die kognitive Inhibition oder Flexibilität), die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung und das Gedächtnis sind bei körperlich aktiven Senioren weniger anfällig für den Alterungsprozess. Nun handelt es sich bei diesen Auswirkungen nicht um „Heilungen“ neurodegenerativer Erkrankungen, aber dennoch um messbare Unterschiede auf Populationsebene, die auf einen stabileren Verlauf oder langsameren Abbau der kognitiven Entwicklung schließen lassen.

Im klinischen Umfeld bestärken diese Aspekte die Einbeziehung angemessener Bewegungsempfehlungen in das Thearpie- und Präventionsprogramm: Regelmäßiges Laufen, moderates Ausdauertraining oder Aktivitäten, die Bewegung und kognitive Beanspruchung kombinieren (z. B. Gleichgewichtsparcours oder Gruppenaktivitäten) können empfohlen werden, sobald der Gesundheitszustand des Patienten es zulässt. Diese nicht-pharmakologischen Ansätze können die spezifischen Therapien kognitiver Störungen nicht ersetzen, doch sie stellen eine Ergänzung dar, die auf aktuellen wissenschaftlichen Daten beruht und fügen sich in eine ganzheitliche Strategie zur Bewahrung der Gesundheit des Gehirns im Alter ein.

Angepasste körperliche Aktivität (APA) in der Physiotherapie

Definition, konkrete Beispiele und wissenschaftliche Grundlagen

Angepasste körperliche Aktivität (APA) bezeichnet individuell abgestimmte Trainingsprogramme, die für Menschen mit funktionellen Einschränkungen, chronischen Krankheiten oder altersbedingter Gebrechlichkeit entwickelt werden. Sie soll jedem Patienten die Möglichkeit bieten, unter Berücksichtigung seiner Fähigkeiten, Risiken und therapeutischen Ziele körperlich aktiv zu bleiben. Diese Definition wurde bereits in den französischen Rechtsrahmen aufgenommen, sowie in die Empfehlungen der Obersten Gesundheitsbehörde in Frankreich (HAS) und des französischen Gesetzbuchs über die öffentliche Gesundheit.

In der Physiotherapie stellt die APA eine nicht-pharmakologische therapeutische Maßnahme dar, deren Ziel darin besteht, dem körperlichen Abbau vorzubeugen, die Autonomie zu verbessern, das Sturzrisiko zu senken und die soziale Teilhabe zu fördern.

Klinische Relevanz

Die APA verbessert die funktionellen Fähigkeiten deutlich, verringert Bewegungsmangel, beugt der Pflegebedürftigkeit vor und fügt sich in eine ganzheitliche Behandlungsstrategie ein. Heute gilt sie als evidenzbasierte Maßnahme in der Versorgung alter oder gebrechlicher Patienten.

Konkrete Beispiel für die Umsetzung in der klinischen Praxis in den HRS

Gleichgewichts- und Muskelaufbauprogramm

Diese Programme kombinieren ein Krafttraining für die unteren Gliedmaßen, die Stärkung der Haltungsstabilität und ein Gehtraining. Aktuelle Metaanalysen zeigen eine deutliche Verbesserung der Muskelkraft und der Gehgeschwindigkeit sowie eine Verringerung des Sturzrisikos bei alten Menschen.

Individuell abgestimmtes aerobes Training

Begleitetes Gehen, Radfahren oder Übungen auf dem Heimtrainer mit moderater Intensität verbessern die Ausdauer und die Herz-Lungen-Kapazität, selbst bei gebrechlichen Menschen.

Multimodale Programme

Die Kombination von Kräftigung, Gleichgewichtstraining, Mobilisierung und Koordinationstraining in einem strukturierten Programm wirkt sich erkennbar positiv auf die gesamte funktionelle Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität aus.

APA und leichte kognitive Störungen

Bei Patienten mit einer leichten neurokognitiven Störung verbessern die Programme der APA die Gehfähigkeit, die Aufmerksamkeit und die Exekutivfunktionen.

Technologie-assistierte APA

Halbüberwachte Programme, die auf digitalen Schnittstellen oder auch auf dem Telemedizin-Konzept beruhen, verbessern die Compliance und die Kontinuität der Behandlungsmaßnahmen bei alleinlebenden alten Menschen.

Quellenangaben

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