Ein Gespräch mit Dr. Marion Chasseriaud, Pneumologin in den Hôpitaux Robert Schuman
Man geht, davon aus, dass ungefähr 20 % der luxemburgischen Bevölkerung von Allergien betroffen sind. Diese Zahlen sind mit den Angaben unserer europäischen Nachbarn vergleichbar. Beispielsweise in Frankreich leidet jeder Dritte an allergischer Rhinitis, und ungefähr 50 bis 60 % dieser Patienten weisen zugleich Symptome einer allergische Konjunktivitis auf. Darüber hinaus sind 80 % der Asthmaerkrankungen allergisch bedingt.
Was ist eine Atemwegsallergie?
MC: Eine „Allergie“ ist eine auffällige und übermäßige Reaktion des Organismus bei Kontakt mit Fremdstoffen, die wir als Allergene bezeichnen.
Bei Atemwegsallergien sind die Atemwege betroffen: „Meine Nase ist verstopft, meine Nase läuft, ich niese ständig, ich spüre ein Kribbeln in der Nase / im Hals.“ Solche Symptome beschreiben Patienten mit allergischer Rhinitis (besser bekannt unter dem Namen „Heuschnupfen“). Wenn Augenbeschwerden hinzukommen, spricht man von „allergischer Rhinokonjunktivitis“.
„Allergisches Asthma“ äußert sich durch Atembeschwerden, Husten, ein Engegefühl in der Brust oder auch durch pfeifende Atemnebengeräusche.
Welche pulmonalen Allergene sind hauptsächlich für Atemwegserkrankungen verantwortlich?
MC: Man unterscheidet zwei Kategorien von pulmonalen Allergenen: Jene, die ganzjährig vorhanden sind (Milben, Haare von Heimtieren, Schimmelpilze) und jene, die nur zu bestimmten Jahreszeiten vorkommen (Pollen).
Manche Allergene befinden sich in der Luft (Atemwegsallergene). Welche sind das?
MC: Zu diesen Allergenen gehören hauptsächlich Gräser-, Baum- und Kräuterpollen. Allergische Reaktionen im Zusammenhang mit diesen Allergenen sind saisonal. Ihre Konzentration in der Luft hängt von den Wetterverhältnissen ab (Temperatur, Wind, Regen, Luftfeuchtigkeit).
Manche Baumarten sind Frühblüher (Erle, Nussbaum, Ulme) und blühen bereits zu Beginn des Jahres (von Januar bis April), andere sind Spätblüher (Birke, Buche, Platane) und blühen erst zwischen April und Juni. Gräserpollen sind von Mai bis September anzutreffen. Dazu gehören z. B. das gewöhnliche Ruchgras, das Wiesenlieschgras oder auch das gewöhnliche Knäuelgras.
„Bei Menschen mit genetischer Prädisposition kann eine Allergie im Lauf des Lebens zu mehreren Erkrankungen führen.“
Kann aus einer einfachen Atemwegsallergie eine Asthmaerkrankung entstehen?
MC: Ja, man weiß, dass bei Menschen mit genetischer Prädisposition eine Allergie im Lauf des Lebens zu mehreren Erkrankungen führen kann (Neurodermitis, allergische Rhinitis, Asthma und Lebensmittelunverträglichkeiten). Diese zeitliche Entwicklung ist hauptsächlich in der pädiatrischen Bevölkerungsgruppe zu beobachten (15 bis 20 % der von Allergien betroffenen Kinder). Sie ist auch bekannt unter der Bezeichnung „atopischer Verlauf“.
In diesem Sinne ist das Auftreten von Milchschorf in den ersten Lebensmonaten Ausdruck eines erhöhten Risikos für eine spätere Atemwegsallergie oder Asthmaerkrankung. Das gilt ebenso für die allergische Rhinitis.
Umgekehrt besteht auch bei Vorhandensein einer Lebensmittelunverträglichkeit ein erhöhtes Risiko für Atemwegsallergien.
Stimmt es, dass die Atemwegsallergien in den letzten Jahren am meisten zugenommen haben?
MC: Ja, das stimmt. Anhand epidemiologischer Daten beobachten wir seit den 1970er Jahren einen kontinuierlichen Anstieg allergischer Reaktionen, und bis 2050 dürfte der Anteil der von Allergien betroffenen Menschen an der Gesamtbevölkerung 50 % erreichen. In den letzten 30 Jahren hat sich die Prävalenz von Asthma mindestens verdoppelt, vor allem bei Kindern, und die Prävalenz der allergischen Rhinitis hat sich sogar verdreifacht.
Dieser Anstieg ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen: Die globale Erwärmung trägt dazu bei, dass die Pollensaison früher im Jahr beginnt, länger dauert und intensiver ist. Darüber hinaus findet man aufgrund lokaler Temperaturveränderungen Pollen in Regionen, in denen sie früher gar nicht oder kaum vorkamen. Diese Dynamik wird auch durch die längere Exposition gegenüber der Umweltbelastung (sowohl in Innenräumen als auch im Freien) begünstigt.
„Nicht kontrollierte Allergien können sich erheblich auf das Alltagsleben auswirken.“
Können Sie Empfehlungen oder Ratschläge zur Prävention von Allergien erteilen?
MC: Bei Symptomen, die auf eine Allergie hindeuten, sollte unverzüglich ein Allergologe aufgesucht werden. Nicht kontrollierte Allergien können sich erheblich auf das Alltagsleben auswirken, die Schlafqualität beeinträchtigen und die schulischen oder beruflichen Leistungen mindern. Mithilfe einfacher Tests in der Praxis kann die allergisch bedingte Ursache der Symptome bestätigt werden und geklärt werden, welches pulmonale Allergen verantwortlich ist. Sobald das Allergen ermittelt ist, können dem Patienten eine entsprechende Behandlung und Empfehlungen angeboten werden.
Insbesondere bei der Pollenallergie ist die Allergenkarenz die erste Maßnahme, die in Betracht gezogen werden sollte. Es wird empfohlen, am frühen Morgen die Wohnung zu lüften, nach der Rückkehr nach Hause zu duschen und die Kleidung zu wechseln, oder auch einen Luftreiniger zu nutzen. Auch Schutzbrillen und Atemschutzmasken tragen zur Begrenzung des Kontakts mit den Pollen bei. Ebenso empfiehlt man dem Patienten, Sport im Freien zu vermeiden, seine Wäsche nicht draußen trocknen zu lassen und nur mit geschlossenen Fenstern Auto zu fahren.
Patienten können auch die Seite Pollens.lu besuchen, um sich über die in der Luft befindlichen Pollen in Echtzeit zu informieren.
Neben der Allergenkarenz ermöglichen orale oder lokale Antihistaminika und Kortikoide eine schnelle Linderung der Symptome. Bei entsprechender Indikation kann manchen Patienten eine Hyposensibilisierung (oder spezifische Immuntherapie) angeboten werden. Ihr Ziel besteht in der Abschwächung der Symptome und in der Verringerung des Arzneimittelkonsums, sowie in der Vermeidung neuer Sensibilisierungen und des Auftretens weiterer Erkrankungen, insbesondere von Asthma.